Über die Berechtigung Zen zu lehrenVon 大寂真 Dai Jaku Shin (Dr. Marco Schmidt)Man mag vielleicht denken „Zen ist doch nur sitzenin Stille. Das kann doch jeder lehren, der schon malein paar Retreats gemacht hat und die wichtigstenBücher gelesen hat, oder?“. Um es kurz zumachen: Nein. Man benötigt formell und schriftlich•Die Bestätigung als Dharma-Nachfolger(Dharma-Siegel), im Soto-Zen auch „Denpo“genannt•Die Lehrerlaubnis (genannt „Inka Shōmei“ im Rinzai-Zen, „Shihō“ im Soto-Zen)Der Zen-Kreis Paderborn bietet authentischesRinzai-Zen an unter Leitung von Rainer Kreuzburg in der Stammgruppe und dem Autordieses Artikels in den Einführungskursen. Beide sind Dharma-Nachfolger der 85.Generation nach Shakyamuni Buddha. Rainer Kreuzburg hat die volle LehrerlaubnisInka Shōmei, der Autor dieses Artikels hat Erlaubnis, Zen-Einführungskurse zu leitenund in die Koan-Arbeit einzuführen.Im Folgenden wird erläutert, warum die Lehrerlaubnis sehr wichtig ist.Der Zen-FührerscheinWenn sie einen Auto fahren lernen wollen, gehen sie in eine Fahrschule wo ein Lehrermit Lehrerlaubnis als Fahrlehrer unterrichtet, der selbstverständlich auch einenFührerschein hat. Genauso ist es im Zen. Das Dharma-Siegel ist der Zen-Führerschein. Wenn jemand ohne Dharma-Siegel Zen lehrt, ist das als ob jemand ohne Auto-Führerschein eine Fahrschule anbietet. Es ist Absurd.Ich bitte dieses Beispiel nicht miss zu verstehen. Eine Lehrerlaubnis im Zen bekommtman nicht durch das Belegen von ein paar Kursen, sondern nur durch Ernennung.Gerade bei einer so wichtigen Sache wie der Zen-Übung sollte man darauf achten,einen guten Lehrer zu haben, denn Zen ist kein Wellness-Kurs mit der Zielsetzung„Kommen wir mal runter vom Alltag und zentrieren uns“. Zunächst einmal ist Zen nicht„nur“ sitzen in Stille. Das mag die vordergründige Übung sein. Zen geht aber weitdarüber hinaus. Zen ist ein Weg der Befreiung vom Leid und eine direkte Umsetzungdes edlen achtfachen Pfades des Buddha Shakyamuni. Dies wird erreicht durch dieBefreiung des Geistes von Denkmustern und Vorstellungen. Wir sind oftmals derartigvon unseren Modell-Landkarten bestimmt, dass wir nicht einmal merken, wie sehr wiran der Wirklichkeit vorbei leben. Darin eingeschlossen das Bild von unserem „Ich“ oder„Selbst“.Zu den einzelnen Elementen unserer Übung lesen sie bitte unter folgendem Link nach.Weitere Bemerkungen zu Frage „Was ist Zen?“ finden sie unter diesem Link.Zen ist nicht bequem – kann ich Erleuchtung nicht ganz schnell inein paar Kursen verwirklichen?Im Zen geht es also um Befreiung, darum die Wirklichkeit „neu“ zu erleben – wie sie istund nicht wie man sie sich denkt; einen anderen Standpunkt gegenüber ihr zubeziehen, ein heilsames Leben für sich selbst und andere zu führen. Dieser Wegerfordert großes eigenes Engagement und einen Lehrer als hilfreichen Unterstützer.Darin liegt für so manch einen ein Problem. Der Zen-Weg ist beschwerlich undanstrengend. Wir müssen die von uns ach so geliebte Komfortzone verlassen, denngerade jenseits dieser befindet sich das Potenzial für persönliche Entwicklung.Zen erfordert kontinuierliche Übung über eine lange Zeit, regelmäßige intensiveÜbungsperioden (wo man morgens um 5 aufsteht und erst um 23 Uhr schlafen kann)unter Anleitung eines Lehrers. Das ist nicht jedermanns Sache. Natürlich kann einjeder so viel oder so wenig an Energie in die Zen-Übung investieren, wie er mag unddann prüfen ob er mit dem Ergebnis zufrieden ist. Wer jedoch den Zen-Weg ernsthaftbeschreitet, kommt nicht darum hin, sich ziemlich anzustrengen. Vielleicht liegt esetwas in der menschlichen Natur zu fragen: Kann ich das nicht irgendwie einfacherhaben? Gerade darin finden findige Geschäftemacher einen Markt:Nur allzu gerne hätten wir eine Befreiung von den leidbehafteten Aspekten desDaseins, ohne dass wir uns dafür selber ins Zeug legen müssen, ohne dass wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Schön bequem, am Besten im Liegen. Vielleicht in der Form von ein paar Kursen oder Schulungen über 3 Wochenenden. Es gibt genügendLeute, die so etwas verkaufen. Am besten noch mit selbst gestaltetem Zertifikat. Stufe1: Vorbereitungsseminar für die Erleuchtung, Stufe 2: Erleuchtungsseminar, Stufe 3:Lehrerseminar.Kaufen ist schön bequem: Wir hätten es vielleicht gerne, dass wir Geld dafür bezahlen,und unsere Zeit ein paar Wochenenden absitzen, und so Erleuchtung verwirklichen.Oder sogar noch bequemer: Ein Zen-Meister spricht ein paar magische Mantras, unddann wird sich die Erleuchtung einstellen, ohne dass wir etwas tun müssen. All dasgeht nicht. Also Obacht bei „Kursen“ die oben genannte Dinge versprechen und in derRegel auch noch viel kosten. Der Zen-Kreis Paderborn veranschlagt 5€ pro Monat aufSpendenbasis.Zen üben ist ein bisschen wie gesund werden nach langer Krankheit. Gesund werdenmuss man selber, aber es gibt Ärzte, die einem helfen. Dazu sucht man ja auch einenArzt mit Approbation auf, und nicht einen selbsternannten Kurpfuscher. Warum? Weilder Schaden anrichten könnte. Das ist bei falsch angeleiteter Meditation nicht anders.Zen ist nicht für jeden die richtige Übung, obwohl es jedem offen steht. Während derMeditation können ggf. Erlebnisse oder Schwierigkeiten etc. auftreten, die einGespräch mit einem Lehrer erfordern.Ich bitte auch dieses Beispiel nicht miss zu verstehen. Natürlich sind Leute ohne Zen-Übung nicht krank oder werden gesund durch die Übung. Das Beispiel verdeutlich aberganz gut, worauf es mir ankommt: Der Zen-Weg benötigt qualifizierte Anleitung und vorallem eigene Anstrengung.Inhaltliche AspekteHinzu kommt der Inhaltliche Aspekt, der einen Lehrer erfordert. Im Zen gilt derGrundsatz: Lehre nur das, was du bisher selbst erfahren und verwirklicht hast. Damitman im Zen wenigstens einen kleinen Überblick hat, sind das zunächst die Dharma-Siegel: Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und Nirwana als Befreiung im Hier und Jetzt. Werdiese Dharma-Siegel nicht tief durchdrungen hat, kann über Zen nicht ernsthaftreferieren oder lehren. Mit „durchdrungen“ ist keinesfalls eine intellektuelleAuseinandersetzung gemeint, sondern eine intuitive „Schau“ ein „Erfassen“ im Sinneeiner Zen-Erfahrung. Diese kann man sich nicht selber bestätigen, sondern wird durcheinen Lehrer anerkannt.VerantwortungDem Zen-Lehrenden obliegt eine große Verantwortung:•Gegenüber den Studierenden (Sangha): keinen Schaden zufügen und den Wegdes Buddha weisen.•Gegenüber der Lehre des Buddha (Dharma): Die Studierenden zu eigener Zen-Erfahrung führen. Dies kann nur jemand, der dies alles selbst verwirklicht hat.Traditionslinie zurück bis auf Buddha Shakyamuni persönlichZen als Buddha-Weg blickt zurück auf eine über 2500 Jahre alte Tradition bis zuBuddha Shakyamuni persönlich. Die erste Dharma-Übergabe bzw. Dharma-Nachfolge(Lehrer-Bestätigung) fand von Buddha-Shakyamuni an Mahakasyapa statt und setztsich ununterbrochen fort bis zu den rechtmäßigen Lehrern in unsere Zeit.Ein Meister ernennt einen oder mehrere Nachfolger, denen er aufträgt, die Linie inZukunft weiter zu führen, zu lehren, was sie bisher gelernt haben. Sie dürfen ihrerseitsDharma-Nachfolger ernennen. Auf diese Weise bilden die legitimen Lehrer einen Baum mit Buddha-Shakyamuni als Wurzel. Unsere Dharma-Linie kann hier eingesehenwerden. Über diese große Traditionslinie haben wir die Möglichkeit, heute denauthentischen Dharma zu praktizieren. Was wir heute hier als Dharma lehren undlernen ist in gewisser Weise die Akkumulation von 85 Generationen an Zen-Praxis.Eine Ursache-Wirkungs-Kette, die Shakyamuni Buddha persönlich in Gang gesetzt hatund als „drehen des Rades der Lehre“ bezeichnet wird.Die Dharma-Übergabe wird durch ein Dokument bestätigt. Sie stellt im Zen eineQualitätskontrolle dar, was sowohl Inhalt als auch Authentizität der Lehre betrifft. Schonin früher Zeit wie auch heute noch gibt es zahlreiche selbsternannte „Lehrer“, die imGrunde Scharlatane sind und alles andere als das wohl des Zen-Studierenden im Sinnhaben, geschweige denn diese zur Befreiung führen könnten, selbst wenn sie wollten.Im günstigsten Fall kommt dabei eine schlechte Lehre heraus, da der Unterrichtendeselber noch nicht verwirklicht hat, wozu er die Studierenden anleiten soll. Imschlimmeren Fall schadet er den Studierenden sogar oder führt sie in die Abhängigkeitzu einer „Führer“-Figur.Psycho-SektenIn diesem Zusammenhang sei Ausdrücklich darauf Hingewiesen, dass es auch unterdem Tarnmantel des Buddhismus Gruppierungen gibt, die in Wirklichkeit Psychosekten darstellen. Dazu gibt es eine sehr schöne Webseite mit einer Checkliste, die man fürsich und seine Zen-Gruppe einmal durchgehen sollte. Die Webseite „BuddhistischeSekten“ erreicht man über diesen Link.Aufgaben des LehrersWas ist die Aufgabe eines Lehrers? Ein Lehrer kann dich nicht erleuchten. Das kannstdu nur selbst durch eigene Anstrengung schaffen. Noch bedeutet einen Lehrer zuhaben eine Art von Gehorsam oder Ähnliches. Du bist immer selbst deine obersteAutorität.Ein Lehrer kann dir eine sehr wertvolle Hilfe auf dem Weg sein. Er hat schon all dieSchwierigkeiten gemeistert, vor denen du noch stehst oder die du gerade durchlebst.Er hat die drei Dharma-Siegel verwirklicht und nur deshalb vermag er auch denDharma zu lehren und Andere dazu anleiten, dieses ebenso zu tun.Der Lehrer kennt den Dharma aus eigener Verwirklichung heraus und nicht nur ausBüchern oder theoretischen Überlegungen.Ein Lehrer kann die im Rinzai-Zen essenzielle Koan-Schulung durchführen. Sie ist einwichtiges Hilfsmittel auf dem Buddha-Weg. Er kann in den Einzelgesprächen denEntwicklungsstand des Studierenden verfolgen und ihm geeignete Übungen empfehlen oder sogar den entscheidenden Anschubser zum Durchbruch geben. Es ist also durchaus angebracht, wenn man in einer Zen-Gruppe den Lehrer fragt, ober eine Legitimation (Inka) zur Lehre hat und wenn nicht, was er da eigentlichunterrichtet. Es ist nicht überall Zen drin wo Zen drauf steht. Zen ist als Begriffmittlerweile „schick“ und zieht als Buzz-Wort viele Leute an, die sich davonAufmerksamkeit versprechen. Ich sah schon „Zen-Massage“, „Zen-Astrologie“, „Zen-Parfüm“ und kürzlich auch auf MTV „A fist of Zen“Zum Schluss möchte ich Zen-Meister Hakuin (1685-1768) zitieren:…“Wenn jemand, der nicht Kensho erlangt hat, behauptet, ein Zen-Übender zu sein,dann ist er ein unverschämter Betrüger, ein dreister Schwindler und ein nochschamloserer Schurke“… (aus Hakuin Ekaku: „Wilder Efeu“, Kap. „Die Gefahr desfalschen Lehrens“)Dem interessierten Leser sei folgender Artikel über die Dharma-Übergabe vom AbtMuho (Soto-Kloster Antaiji) empfohlen: (Link 1, Link 2).Meister Dogen hat dem Dharma-Siegel im Shobogenzo ein eigens Kapitel gewidmet„15-Shisho“. Online hier zu lesen aber auch in anderen Kapiteln z.B „Weitergabe desGewandes“.Paderborn, im Juli 2011Gassho!„Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube“(Mt 15,14)